Weiße Nächte

12Jan06

„Ja, wenn mein Arm zittert, so kommt das daher, daß noch nie ein so hübsches kleines Ärmchen auf ihm geruht hat wie das Ihrige. Ich bin des Umganges mit Frauen ganz entwöhnt; das heißt, ich bin nie daran gewöhnt gewesen; ich stehe eben ganz allein da … Ich weiß nicht einmal, wie
man mit Frauen sprechen muß. Sehen Sie, auch jetzt weiß ich nicht, ob ich nicht zu Ihnen irgendeine Dummheit gesagt habe. Sagen Sie es mir geradeheraus, ich versichere Sie, ich bin nicht empfindlich …“
„Nein, nicht doch, nicht doch, im Gegenteil. Und wenn Sie denn wirklich verlangen, daß ich aufrichtig sein soll, so muß ich Ihnen sagen, daß den Frauen eine solche Schüchternheit gefällt; und wenn Sie noch mehr wissen wollen, so will ich hinzufügen, das sie auch mir gefällt und ich mir darum Ihre Begleitung bis dicht an meine Wohnung gefallen lasse.“
„Sie werden mich dahin bringen“, begann ich, kaum atmend vor Entzücken, „daß ich sogleich aufhören werde, schüchtern zu sein, und dann bin ich mit meinen Mitteln am Ende! …“
„Mit Ihren Mitteln? Mit was für Mitteln? Mitteln wozu? Sehen Sie, das war nicht schön gesagt.“
„Verzeihung, ich werde es nicht wieder tun; der Ausdruck ist mir so unbedachterweise entfahren; aber wie können Sie verlangen, daß in einem solche Augeblicke nicht der Wunsch rege werden soll …“
„Der Wunsch zu gefallen, nicht wahr?“
„Nun ja; aber ich bitte Sie inständig: seien Sie nicht böse! Hören Sie was ich für ein Mensch bin, und urteilen Sie dann selbst! Sehen Sie, ich bin schon sechsundzwanzig Jahre alt; aber ich habe noch nie mit jemandem Umgang
gehabt. Na, wie könnte ich da gut und geschickt und angemessen reden? Für Sie wird es am besten sein, wenn ich Ihnen alles offen und frei heraus sage. Ich verstehe nicht zu schweigen, wenn das Herz in meiner Brust redet. Na, schadet nichts … Können Sie es glauben: kein einziges weibliches Wesen, niemals, niemals! Keine Bekanntschaft! Ich phantasiere nur jeden Tag davon, daß ich endlich einmal jemandem begegnen werde. Ach, wenn Sie wüßten, wie oft ich schon auf diese Weise verliebt gewesen bin!“
„Aber wie denn, in wen denn?“
„In niemanden, in ein Ideal, in diejenige, die ich im Traume sehe. Ich verfasse in meinen phantastischen Gedanken ganze Romane. Oh, Sie kennen mich nicht! Allerdings, ganz ohne weibliche Bekanntschaft ist es doch nicht abgegangen; ich bin zwei, drei Frauen begegnet; aber was waren das für Frauen? Das waren solche Wirtinnen, daß … Aber ich werde Sie zum Lachen bringen, wenn ich Ihnen erzähle, daß ich mehrmals daran gedacht habe, so ganz
ohne weiteres irgendeine vornehme Dame auf der Straße anzureden, selbstverständlich nur, wenn sie allein war, und natürlich in bescheidener, respektvoller, leidenschaftlicher Art. Ich wollte ihr sagen, daß ich in meiner Vereinsamung zugrunde ginge; sie möchte mich nicht von sich weisen; ich hätte keine Möglichkeit, auch nur irgendein weibliches Wesen kennenzulernen. Ich wollte es ihr zu Gemüte führen, daß es sogar zu den Pflichten einer Frau gehöre, die schüchterne Bitte eines so unglücklichen Menschen wie ich nicht zurückzuweisen. Und ich wollte ihr schließlich zu verstehen geben, alles, um was ich bäte, bestände nur darin: sie möchte mr ein paar freundliche, teilnehmende Worte sagen, mich nicht gleich von vornherein wegweisen, meiner Versicherung Glauben schenken, anhören, was ich zu sagen beabsichtige, mich auslachen, wenn sie Lust dazu hätte, mich trösten und ermutigen, ein paar Worte, nur ein paar Worte zu mir sprechen; dann
wollte ich meinetwegen später auch nie wieder mit ihr zusammentreffen! … Aber Sie lachen … Übrigens rede ich ja auch eben zu diesem Zwecke …“
„Seien Sie mir nicht böse; ich lache darüber, daß Sie Ihr eigener Feind sind; und wenn Sie einen Versuch machen wollten, so würde es Ihnen vielleicht auch gelingen, selbst auf der Straße; und je einfacher Sie dabei verfahren, um so
besser … Keine gutherzige Frau (es müßte denn sein, daß sie dumm ist oder sich gerade in dem Augenblicke über irgend etwas ärgert) wird es übers Herz bringen, Sie ohne die paar Worte, um die Sie so schüchtern bitten, wegzuwei-
sen … Aber was rede ich da! Natürlich würde sie Sie für einen Irrsinnigen halten. Ich habe nach mir selbst geurteilt. Ich weiß selbst herzlich wenig, wie es in der Welt zugeht.“
„Oh, ich danke Ihnen“, rief ich; „Sie wissen nicht, wie sehr Sie mich jetzt ermutigt und aufgerichtet haben!“
„Nun gut, gut! Aber sagen Sie mir: woran erkannten Sie, daß ich ein solches weibliches Wesen sei, mit dem …, nun, das Ihrer Beachtung und Freundschaft würdig wäre … mit einem Worte, nicht so eine Wirtin wie die von Ihnen
erwähnten? Warum entschlossen Sie sich dazu, zu mir heranzukommen?“
„Warum, warum? Aber Sie waren allein, und jener Herr benahm sich gar zu dreist, es ist Nacht: da werden Sie selbst zugeben müssen, daß es die Pflicht …“
„Nein, nein, schon vorher, dort auf der andern Seite. Sie wollten ja doch zu mir herantreten?“
„Dort auf der andern Seite? Aber ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen da antworten soll; ich fürchte … Wissen Sie, ich fühlte mich heute so glücklich; ich ging und sang vor mich hin; ich war vor der Stadt gewesen; ich hatte
noch nie so glückliche Augenblicke verlebt. Sie … vielleicht schien es mir nur so … Na, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie daran erinnere: es schien mir, daß sie weinten, und ich … ich konnte das nicht mit anhören … das Herz zog sich mir
zusammen … O mein Gott! Na, durfte ich mir Ihre Traurigkeit denn nicht nahegehen lassen? War es denn eine Sünde, daß ich mit Ihnen ein brüderliches Mitleid empfand? Entschuldigen Sie, daß ich ‚Mitleid‘ sagte … Na,
kurz gesagt, konnte ich Sie denn damit beleidigen, daß ich unwillkürlich auf den Einfall kam, zu Ihnen heranzutreten?“
„Hören Sie auf, lassen Sie es genug sein, reden Sie nicht weiter …“, sagte das junge Mädchen, indem es die Augen niederschlug und meinen Arm drückte. „Ich bin selbst schuld daran, weil ich davon zu sprechen anfing; aber ich
freue mich, daß ich mich in Ihnen nicht geirrt habe … Aber da bin ich schon zu Hause; ich brauche nur hier in die Seitengasse einzubiegen; da habe ich nur noch zwei Schritte … Leben Sie wohl; ich danke Ihnen …“
„Und werden wir uns denn wirklich, wirklich nie wiedersehen? … Wird mit dieser Begegnung wirklich alles zu Ende sein?“
„Sehen Sie einmal“, erwiderte das junge Mädchen lachend, „zuerst verlangten Sie nur ein paar Worte, und jetzt … Indes, ich will es Ihnen nicht abschlagen … Vielleicht begegnen wir einander wieder …“
„Ich werde morgen wieder hierher kommen“, sagte ich.
„Oh, verzeihen Sie mir; ich stelle schon Forderungen …“
„Ja, Sie sind gar zu hastig; Sie stellen schon beinah Forderungen …“



One Response to “Weiße Nächte”

  1. Ja dieser Text steht jetzt hier.
    Ausgewählt habich ihn weil der Protagonist sehr gut erklärt wie ich denke und fühle😉


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