Das Lächeln Karenins

31Jan06

Verglichen mit dem Menschen hat der Hund nicht viele Vorteile, einer aber ist bemerkenswert: im Falle des Hundes ist die Euthanasie nicht durch das Gesetz verboten; das Tier hat ein Anrecht auf einen barmherzigen Tod. Karenin hinkte auf drei Beinen und verbrachte zunehmend mehr Zeit damit, in einer Ecke zu liegen. Er winselte. Tomas und Teresa waren sich einig, daß sie ihn nicht unnötig leiden lassen dürften. Doch ersparte ihnen dieses grundsätzliche Einverständnis nicht die bange Unsicherheit: wie kann man erkennen, wann das Leiden unnötig wird? Wie kann man den Augenblick bestimmen, da es sich nicht mehr zu leben lohnt?

[…]

Sie legte sich zu ihm auf den Boden und nahm ihn in die Arme. Ganz langsam und erschöpft schnupperte er an ihr und leckte ihr ein- oder zweimal über das Gesicht. Sie empfing diese Liebkosung mit geschlossenen Augen, als wollte sie sie für immer in ihr Gedächtnis einprägen. Sie drehte den Kopf, damit er ihr auch die andere Wange leckte.

[…]

Langsam legte sie ein Leintuch auf das Sofa. Es war ein weißes Leintuch mit einem violetten Blumenmuster. Sie hatte schon alles vorbereitet und an alles gedacht, als hätte sie sich Karenins Tod bereits viele Tage im voraus vorgestellt. (Ach, wie schrecklich ist es, daß wir im voraus vom Tod derer träumen, die wir lieben!)
Karenin hatte nicht mehr die Kraft, auf das Sofa zu springen. Sie nahmen ihn auf die Arme und hoben ihn gemeinsam hoch. Teresa legte ihn auf die Seite und Tomas untersuchte sein Bein. Er fand eine Stelle, an der die Ader gut sichtbar hervortrat. Dort schnitt er mit einer Schere die Haare ab.
Teresa kniete neben dem Sofa und hielt Karenins Kopf ganz nah an ihrem Gesicht.
Tomas bat sie, die Hinterpfote über der Vene fest zu drücken, denn sie war so dünn, daß man die Nadel nur mit Mühe einführen konnte. Sie hielt Karenins Pfote fest, ohne ihr Gesicht von seinem Kopf abzuwenden. Ununterbrochen redete sie mit leiser Stimme auf ihn ein, und er dachte nur an sie. Er fürchtete sich nicht. Er leckte ihr nochmals über das Gesicht. Und Teresa flüsterte ihm zu: „Hab keine Angst, hab keine Angst, dort wird dir nichts mehr weh tun, dort wirst du von Eichhörnchen und Hasen träumen, dort gibt es Kälbchen und auch einen Mephisto, hab keine Angst…
Tomas stach die Nadel in die Vene und drückte auf den Kolben. Karenin zuckte ein weng mit dem Bein, sein Atem wurde etwas schneller und hörte dann ganz auf. Teresa kniete auf dem Boden neben dem Sofa und preßte ihre Wange an seinen Kopf.
Sie mußten beide wieder arbeiten gehen, und der Hund blieb auf dem Sofa liegen, auf dem weißen Leintuch mit den violetten Blumen.

Milan Kundera – „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“



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