die richtigen Worte

01Feb06

[…]

Er glaubte wirklich an ihre Begabung, und das bedeutete ihr mehr, als sie je erwartet hätte. Doch es geschah noch etwas anderes, etwas noch viel Gewaltigeres.
Warum es geschah, wußte sie nicht, doch in diesem Augenblick begann sich die Kluft zu schließen, die Kluft, die sich in ihrem Leben aufgetan hatte, um den Schmerz von der Freude zu trennen. Und sie ahnte, daß es noch mehr gab, als sie sich eingestehen mochte.
Doch in diesem Moment war sie sich all dessen noch nicht bewußt, und sie wandte sich ihm zu, streckte die Hand aus, berührte zögernd, ganz sanft die seine, voller Erstaunen darüber, daß er nach all diesen Jahren noch so genau wußte, was zu hören ihr guttat. Und als sich ihre Blicke trafen, spürte sie wieder, wie außergewöhnlich er war.
Und für einen flüchtigen Augenblick, einen winzigen Atemhauch Zeit, der in der Luft hing wie ein Glühwürmchen im sommerlichen Dunkel,

[…]

Er wollte sie nicht anschauen, wollte sich die Illusion nicht zerstören, sich nicht vorstellen, daß das, was sich eben zwischen ihnen abgespielt hatte, nur Einbildung gewesen war.

[…]

Und so sang er das Loblied auf die Nacht, rezitierte alte Verse von Whitman und Thomas, weil er deren Bilder liebte. Von Tennyson und Browning, weil ihm ihre Themen so vertraut waren.
Sie lehnte den Kopf an die Rückenlehne des Schaukelstuhls, schloß die Augen und spürte, wie ihr immer wärmer ums Herz wurde. Es waren nicht allein die Gedichte, nicht allein seine Stimme, die diese Wirkung hervorriefen. Es war die Summe all dessen. Sie versuchte nicht, es zu begreifen, wollte es auch gar nicht. Gedichte wurden nicht geschrieben, um analysiert zu werden, sie sollten nicht den Verstand, sondern die Gefühle ansprechen, sollten inspirieren und anrühren.

[…]

Doch er wußte auch, daß es ein Wunschtraum bleiben würde. Jetzt, wo sie verlobt war.
Sein Schweigen verriet ihr, daß er an sie dachte, und sie genoß dieses Gefühl von Herzen. Sie wußte zwar nicht, was er dachte, doch das machte nichts, wenn er nur an sie dachte. Das genügte ihr.

Nicholas Sparks – „Wie ein einziger Tag“



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